RPO - die bessere Kennzahl zur Analyse von SaaS-Unternehmen

June 20, 2019

 

Die Fundamentalanalyse von Software-Unternehmen kann im Zeitalter von SaaS (Software as a Service) verwirrend sein. Früher hatte man es üblicherweise mit Umsätzen und Auftragseingängen zu tun. Jetzt muss man sich mit neuen Begriffen wie Bookings, Billings und RPO auskennen, um die Geschäftszahlen von Technologiewerten und die Reaktion der Finanzmärkte einschätzen zu können.

 

Die meisten Softwarefirmen verkaufen heutzutage Abonnements (Subskriptionen) und generieren damit vom Finanzmarkt besonders hoch bewertete wiederkehrende Einnahmen. Vielleicht ist auch Dir beim Blick in die aktuellen Geschäftsberichte der SaaS-Unternehmen aufgefallen, dass dort mit „RPO" ein neuer ominöser Begriff immer öfters auftaucht, den Du kennen solltest. Mit diesem Beitrag erläutere ich was es mit den "Remaining Performance Obligations“ =  RPO auf sich hat, die insbesondere von immer mehr SaaS-Companies in ihrer Quartals-Berichterstattung angegeben werden.

 

Doch bevor ich zum eigentlichen Thema RPO komme, möchte ich einige grundlegenden Begriffe rekapitulieren, die in der Analyse gerne mal verwechselt werden:

 

Bookings

Die Bookings sind dem klassischen Auftragseingang sehr ähnlich. Sie bedeuten die vertragliche Verpflichtung der Kunden, Geld für die Leistungen eines Unternehmens auszugeben z.B. im Rahmen des Abonnements einer Software. Die Bookings sind unabhängig von der Leistungserbringung, die erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt. Und auch mit der Zahlungsweise haben Bookings nichts zu tun.

 

Umsatz (Revenue)

Oftmals zahlen Kunden bei Vertragsabschluss z.B. für 12 Monate im voraus für einen Jahresvertrag. Der Umsatz entsteht jedoch erst dann, wenn die Dienstleistung (z.B. die Softwarenutzung) auch tatsächlich erbracht wird. Bei einem Subskriptionsvertrag wie z.B. SaaS-Produkten werden die Umsätze ratierlich über die Laufzeit des Abonnements realisiert. Monat für Monat wird im Falle eines Jahresvertrages 1/12 der Bookings als Umsatz anerkannt.

 

Deferred Revenue

Das Geld, das vom Kunden nach Rechnungsstellung vereinnahmt wurde (oder zumindest fakturiert und fällig ist), aber noch nicht als Umsatz verbucht werden kann, wird zu „Deferred Revenue“ und zunächst als Verbindlichkeit in der Bilanz verbucht.

 

"Deferred Revenue“ stellen also diejenigen Beträge dar, die einem Kunden vor der Erbringung von Services in Rechnung gestellt wurden. Bei Abschluss eines Subskriptionsvertrages steht der vom Kunde gezahlte Betrag zunächst mal als Verbindlichkeit bzw. passiver Rechnungsabgrenzungsposten in der Bilanz. Der so abgegrenzte Umsatz wird dann im Zeitablauf jeweils nach Erfüllung der monatlichen Verpflichtungen in der Gewinn- und Verlustrechnung erfasst und somit umsatzwirksam. Die Entwicklung dieses Bilanzpostens ist einer der wichtigsten Indikatoren für die zukünftige Entwicklung eines SaaS-Unternehmens.

 

Billings

Die Billings entsprechen dem Geld, das den Kunden in einer Periode tatsächlich in Rechnung gestellt wird. Das kann zum Zeitpunkt der Bookings geschehen, wenn der Vertrag im voraus bezahlt wird, oder zum Zeitpunkt der Realisierung des Umsatzes, wenn monatliche Zahlung vereinbart wurde. Dies ist auch dann möglich, wenn die Bookings ein ganzes Jahr der Vertragsbindung vorsehen.

 

Erfahrene Growth-Investoren legen seit jeher besonderen Wert auf die Entwicklung der Bookings und Billings. Diese sind viel besser als der Umsatz dazu geeignet, die zukünftige Entwicklung eines Subskriptionsgeschäftes wie z.B. SaaS einzuschätzen.

 

 

RPO - Remaining Performance Obligations

Ab dem Geschäftsjahr 2018 gelten in USA neue Bilanzierungsvorschriften für die Umsatzerlöse aus Kundenverträgen. Es geht hier im Detail um die Accounting Standards Codification (ASC) Nummer 606: "Revenue From Contracts With Customers“ In dieser verbindlichen Richtlinie werden präzise Vorgaben zur Bilanzierung von Umsatzerlösen aus Vertragsverhältnissen gemacht. Dies ist vor allem für die Verbuchung von Subskriptionsverträgen z.B. im SaaS-Umfeld relevant.

 

ASC 606 basiert auf einigen sehr einfachen Prinzipien.

  1. Ein Vertrag zwischen Kunde und Anbieter enthält immer bestimmte Rechte und Pflichten.

  2. Die Leistungsverpflichtungen des Anbieters werden identifiziert, z.B. die Erbringung eines bestimmten Software-Services über eine festgelegte Vertragslaufzeit hinweg.

  3. Bestimmung des Transaktionspreises, der fixe oder variable Bestandteile vorsehen kann und auch nicht auf Geldleistungen beschränkt ist.

  4. Zuordnung des Transaktionspreises zu den vertraglichen Verpflichtungen des Vertrages.

  5. Die Umsatzrealisierung erfolgt dann, wenn der Anbieter die jeweilige Verpflichtung erfüllt hat. Bei der Erbringung einer dauerhaften Dienstleistungsverpflichtung erfolgt die Realisierung des Umsatzes ratierlich also in zeitlichen Etappen.
     

Neben verschiedenen anderen Richtlinien, die sich aus der obigen Logik ergeben, verlangt der neue Standard ASC 606, dass im Anhang des Quartalsabschlusses die verbleibenden Leistungsverpflichtungen eines Unternehmens (RPO) angegeben werden müssen.

 

Was bedeutet RPO ? 

Vereinfacht kann man sich vorstellen, dass die RPO dem abgegrenzten Umsatz (Deferred Revenue) zuzüglich des Auftragsbestands (Backlog) entsprechen.

 

RPO = Deferred Revenue + Backlog

 

Das „Backlog“ bzw „Revenue Backlog“ ist im Gegensatz zu dem Deferred Revenue in der Bilanz nicht zu finden. Denn dieser Auftragsbestand stellt zukünftige Leistungsverpflichtungen dar, die dem Kunden noch nicht in Rechnung gestellt wurden.

 

Das ganze wird an einem Beispiel noch leichter verständlich:

Bitte stelle Dir vor, dass ein SaaS-Unternehmen am 1. Januar einen 3-Jahres-Subskriptionsvertrag über einen Wert von 36.000$ (TCV = Total Contract Value) mit einem Kunden abschliesst. Es wird eine jährliche Rechnungsstellung im voraus vereinbart. Die Leistungen für das erste Jahr wird mit Vertragsabschluss i.H.v. 12.000€ in Rechnung gestellt. Daraufhin ist nach dem 1. Quartal ein Betrag von 3.000€ also 3/12 des gesamten Vertragswertes als Umsatz verbucht. Weitere 9.000€ für den Rest des 1. Jahres stehen als Deferred Revenue in der Bilanz. Die vereinbarten, aber noch nicht in Rechnung gestellten, Zahlungen für das 2. und 3. Vertragsjahr i.H.v. 24.000€ sind dem Backlog zuzuschreiben und tauchen in der Bilanz nicht auf.  

 

Nach ASC 606 muss das Unternehmen ab sofort aber die gesamten bestehenden Leistungsverpflichtungen als RPO im Anhang zur Bilanz angeben. Für das oben genannte Beispiel würde das bedeuten, dass für diese RPO zum Ende des 1. Quartals der Vertragslaufzeit insgesamt 9.000€+24.000€ = 33.000€ betragen.

 

RPO als Kennzahl für die Kommunikation mit Investoren

Mehr und mehr werden die RPO von SaaS-Unternehmen nicht nur im Anhang des Quartalsberichtes versteckt, sondern aktiv als Benchmark zur Performancemessung kommuniziert.

 

Und das macht auch tatsächlich viel Sinn. Denn zusammen mit den „Deferred Revenues“ in der Bilanz gibt die Angabe der RPO einen umfassenden Einblick in die Auftragslage und zukünftige Umsatzentwicklung. Wenn z.B. die RPO eines SaS-Unternehmens mit $500 Mio. angegeben werden und die Deferred Revenues in der Bilanz $300 Mio. betragen, so weiss man, dass es für noch nicht in Rechnung gestellte Leistungen bereits Vereinbarungen im Wert von weiteren $200 Mio. gibt.

 

Welche Auswirkungen hat die neue RPO-Offenlegung auf die SaaS-Unternehmen?

Investoren haben bisher meist versucht, aufgrund der Entwicklung von Billings und Deferred Revenues die Auftragslage zu verstehen. ASC 606  bietet nun eine verbesserte Möglichkeit, die gesamten vertraglich vereinbarten Umsätze zu analysieren.

 

RPO sind m.E. eine bessere Kennzahl als die Billings, um eine möglichst gute Vorhersage der zukünftigen Umsätze zu geben. Es ist daher unter ASC 606 nur konsequent, wenn SaaS-Unternehmen zunehmend die RPO anstelle der Billings in den Mittelpunkt ihres Reportings stellen.

 

Die RPO enthalten mehr wertvolle Informationen als die Billings. Man kann die Deferred Revenues von den RPO subtrahieren und erhält ein gutes Maß für die aktuelle Stärke eines Subskriptionsgeschäftes auch bei längerfristigen Verträgen.

 

Fazit

Die hohen Bewertungen vieler SaaS-Unternehmen sind nur durch die gut prognostizierbaren wiederkehrenden Umsätze aus Subskriptionen zu rechtfertigen, die zudem oftmals extrem margenstark sind.

 

Ich freue mich, dass wir Tech-Investoren durch die verpflichtende Angabe der RPO unter ASC 606 die Entwicklung dieser recurring revenues jetzt noch umfassender verfolgen und vorhersagen können.

 

Wenn Du diesen doch etwas theoretischen Beitrag tatsächlich bis hierhin gelesen hast, dann bist Du wahrscheinlich sehr ernsthaft am High-Growth-Investing interessiert. ;-) Hier kannst Du meinen kostenlosen Newsletter zum Thema bestellen

 

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