• Stefan Waldhauser

Die “Rule of 30” - Alternative zu Stopkursen bei Buchverlusten


Wenn Du meinem Blog schon länger folgst, dann hast Du Dich wahrscheinlich auch schon mal mit meiner Anlagestrategie beschäftigst und Du weisst, dass ich High-Growth-Investing (HGI) als moderne Version des Value-Investings verstehe.

Wenn Du hier neu bist, dann empfehle ich Dir zum Einstieg ins Thema meine Blogserie zur HGI-Anlagestrategie.

Ich halte es für unabdingbar, dass Du Dir als mittel- bis langfristig orientierter Anleger vor dem Kauf einer Aktie einige Gedanken über die Wertentwicklung des Unternehmens in der realen Welt außerhalb der Börse machst.

Du solltest eine Aktie generell nur dann kaufen, wenn Du davon überzeugt bist, dass der faire Unternehmenswert mittelfristig deutlich über dem aktuellen Enterprise Value liegen wird.

Wenn der Aktienkurs nach Deinem Kauf ansteigt, dann hast Du alles richtig gemacht und musst lediglich entscheiden, ob und wann Du auch mal Gewinne mitnimmst und dennoch möglichst nicht den Fehler begehst, einen potentiellen Tenbagger zu früh zu verkaufen. Ein paar Tipps dazu hatte ich Dir hier im Beitrag zur Exit-Strategie gegeben

Aber auch wenn Du vor dem Kauf Deiner Aktien noch so gut recherchiert und analysiert hast: es wird immer wieder mal die Situation geben, dass eine Aktie sich nach Deinem Kauf nicht so entwickelt wie geplant und der Kurs fällt.

Dann springen Dir beim Blick auf Dein Portfolio rote Zahlen ins Auge und Du musst lernen, wie Du damit umgehst.

Der richtige Umgang mit Buchverlusten ist wohl eine der schwierigsten Übungen auf Deinem Weg zu einem überdurchschnittlich erfolgreichen Investor. Und darum geht es in diesem Beitrag.

Was ist von Stopkursen zu halten?

In großen Teilen der Börsenliteratur und in zahllosen Trading-Schulungen wird gelehrt, dass die strikte Beachtung von Stopkursen eine Grundregel sei, die es unbedingt zu beachten gelte.

In der Praxis sieht das dann oft so aus, dass 15-20% unter dem Einkaufswert eine Aktie automatisch verkauft und ein Trade glattgestellt werden soll. Damit werden aus Buchverlusten dann reale Verluste, die aber eben auf diese 15-20% begrenzt sind.

Stopkurse sind tatsächlich essentiell für kurzfristig spekulierende Trader, die sich nicht wirklich mit ihren Aktien auseinandersetzen.

Auch Anfänger, die sich noch unsicher sind über ihre eigene Urteilskraft was den realen Wert einer Aktie angeht, können durch Stopkurse zusätzliche Sicherheit bekommen.

Vor allem aber sorgen Stopkurse dafür, dass sich keine "Leichen" in Deinem Depot ansammeln: das sind Aktien, die einen großen Teil ihres Wertes verloren haben und sich ohne echte Aussicht auf Erholung im Portfolio breitmachen. Diese Depotleichen haben im Depot nichts verloren und müssen raus.

Stopkurse haben also zumindest für gewisse Anlegergruppen durchaus ihre Daseinsberechtigung.

Aber für mittel- und langfristig agierende Anleger, die schon etwas erfahrener sind, wirken Stopkurse wie eine Performancebremse.

Zu oft passiert es, dass Aktienkurse ausgerechnet kurz nach dem "Ausstoppen" einer Position dann doch nach oben drehen und sich in die richtige Richtung entwickeln. Der Stopkurs hat dann einen Verkauf zum Tiefpunkt bei einer eigentlich viel wertvolleren Aktie ausgelöst.

Ich behaupte, dass für mittel- bis langfristige agierende Investoren die strikte Beachtung von Stopkursen beim High-Growth-Investing dazu führt, dass viel Potential für Outperformance verloren geht.

Ich persönlich beachte schon seit vielen Jahren grundsätzlich keine Stopkurse mehr. Stattdessen habe ich eine andere Regel zum Umgang mit Buchverlusten in meiner Strategie etabliert, die ich “Rule of 30” getauft habe.

Die "Rule of 30"

Wann immer bei einer Depotposition Buchverluste von 30% aufgelaufen sind, zwinge ich mich, eine Entscheidung zu treffen.

Entweder ich nutze die Gelegenheit, diese Aktie zu dann günstigeren Einkaufspreisen nachzukaufen oder aber ich muss tatsächlich die Position komplett verkaufen und damit einen maximalen 30% Verlust der Gesamtposition realisieren.

Ich habe meine Toleranzgrenze für Buchverluste bewusst bei 30% angesetzt, da das noch eine normale Schwankungsbreite für volatile High-Growth-Aktien ist.

Auch viele der allerbesten Investments in meinem Portfolio wie aktuell z.B. The Trade Desk haben auf ihrem Weg zum Vervielfacher mehrere Konsolidierungen in der Größenordnung von 30% erlebt. Das gehört sozusagen zum Tagesgeschäft beim Investieren in schnell wachsende Unternehmen und verdient keine besondere Beachtung.

Sobald aber Verluste von mehr als 30% aufgelaufen sind, dann ist es tatsächlich an der Zeit, sich sehr ernste und manchmal unangenehme Gedanken zu machen, ob der Investment Case vielleicht doch nicht so stimmig ist wie ursprünglich gedacht.

Man muss dann noch intensiver recherchieren, analysieren und zügig eine möglichst fundierte Entscheidung treffen, ob man beherzt antizyklisch nachkaufen will oder nicht.

Wenn Du wirklich überzeugt bist und den Mut hast, gegen den Strom zu schwimmen, dann solltest Du idealerweise mit steigenden Stückzahlen nachkaufen, um Deinen durchschnittlichen Einkaufspreis einer Aktie möglichst deutlich zu senken.

Beispiel:

Angenommen Du hast ursprünglich 4.200€ in ein Unternehmen investiert und dafür 42 Aktien zu 100€ gekauft. Wenn der Kurs um 30% auf 70€ gefallen ist und Du dann nochmals 4.200€ investierst, dann erhältst Du 60 Aktien hinzu und besitzt somit 102 Aktien zu einem durchschnittlichen Einkaufspreis von 82,35€. Die Aktie muss also “nur” um knapp 18% steigen, damit Deine Buchverluste wieder ausgeglichen sind.

Aber vorsichtig: ein befreundeter Anleger bezeichnet die "Rule of 30" auch nicht ganz ernst gemeint als “Ruinöse Nachkaufstrategie”. Keinesfalls darfst Du Dich in eine Aktie “verlieben” und negative Entwicklungen im Unternehmen ignorieren vor dem Nachkauf.

Du musst Dir schon ziemlich sicher über den echten Wert Deiner Unternehmensanteile sein, damit Du die “Rule of 30” systematisch und nachhaltig erfolgreich anwenden kannst.

Idealerweise sollte sich ein klarer Grund für den 30% Kursrückgang identifizieren lassen, der nichts mit dem realen Wert des Unternehmens zu tun hat. Denn nur dann hat sich die “Safety Margin”, das ist die Diskrepanz zwischen Deinem Einkaufspreis und dem fairen Wert, durch den Kursrückgang weiter erhöht.

Ein gutes Beispiel ist aktuell m.E. Baidu. Diese Aktie habe ich in der vergangenen Woche nach knapp 30% Kursverlust für das High-Tech Stock Picking wikifolio nachgekauft, da ich an der langfristig positiven Zukunft aufgrund der guten Entwicklung der neuen Geschäftsbereiche keinen Zweifel habe. Genaueres dazu kannst Du in Kürze in einem eigenen Beitrag zu Baidu auf dem Blog von The Digital Leaders Fund nachlesen.

Du musst Dich VOR einem Nachkauf nach 30% Kursrückgang in jedem Fall kritisch fragen, ob es irgendwelche Veränderungen in der Position Deines Unternehmens am Markt gibt, die rechtfertigen, dass das Unternehmen mittelfristig eben doch nicht den Wert erreicht, den Du Dir vorgestellt hast.

Es könnte z.B. sein, dass der Markt nicht so groß ist wie ursprünglich angenommen. Oder dass neue Konkurrenten mit bessere Technologie aufgetaucht sind oder dass das Management seine Möglichkeiten nicht optimal nutzt.

Im Zweifel lieber Verluste realisieren

Wenn Du Dir nicht sicher bist, ob ein Kursrückgang ungerechtfertigt ist, dann solltest Du lieber verkaufen. Das Aussitzen von Verlustpositionen und einfaches Hoffen auf bessere Zeiten sind keine gute Lösung.

Du musst Dich zwingen, eine Entscheidung zu treffen und zu handeln. Im Zweifel solltest Du also lieber eine Position mit Verlust auflösen als dem schlechten Geld weiteres gutes Geld hinterherzuwerfen.

Genau das habe ich in der vergangenen Woche mit der Aktie von SailPoint Technologies gemacht. Der Kurssturz um 30% hatte auch fundamentale Gründe, die ich hier beschrieben hatte. Ich bin mir nicht sicher, ob das Unternehmen zügig auf einen effizienten Wachstumspfad zurückkehren kann. Wenn das nicht der Fall ist, dann sind höhere Kurse b.a.w. nicht gerechtfertigt. Ich bin hier aktuell leider nicht mehr vollständig davon überzeugt, dass das Unternehmen deutlich mehr wert ist als der aktuelle Kurs. D.h. ich muss gemäß der "Rule of 30" in diesem Fall verkaufen und damit Buchverluste realisieren.

Damit Du mit gutem Gefühl die schwierigen “Kill or Buy” - Entscheidungen treffen kannst, die Dir die Rule of 30 abverlangt, musst Du eine möglichst gute Urteilsfähigkeit über die betroffene Aktie besitzen.

“Know what you own and Know why you own it.” ist eines meiner Lieblingszitate von Peter Lynch.

Wenn Du diese alte Börsenweisheit befolgst, dann wird es für Dich einfacher sein, die schwierigen “Kill or Buy” - Entscheidungen zu treffen.

Und wenn Du einige Erfahrung im Umgang mit Buchverlusten gesammelt hast, dann werden sich im Laufe der Jahre zwei Effekte einstellen:

  1. In deinem Depot sollte die überwiegende Anzahl Deiner Positionen im grünen Bereich liegen, d.h. es sollten sich nicht realisierte Buchgewinne ansammeln. In meinem High-Tech Stock Picking wikifolio liegen z.B. derzeit 16 von 18 Positionen in der Gewinnzone. Davon haben sich 6 Aktien seit dem Kauf mindestens im Wert verdoppelt.

  2. Die Erfolgsquote unter allen mit einem Verkauf abgeschlossen Investitionen sollte über 60% liegen. Seit dem Start des wikifolios vor knapp 3 Jahren bin ich aus insgesamt 19 Aktien wieder ausgestiegen. Dabei konnte ich 13 Mal mehr oder weniger hohe Kursgewinne verbuchen und musste nur in zwei Fällen größere Verluste von ca. 30% realisieren. Bei weiteren 4 Exits habe ich kleinere Verluste bis 15% hingenommen.

Auch mit 30 Jahren Erfahrung an den Technologiemärkten gibt es immer wieder mal fehlerhafte Einschätzungen zu den Bewertungen von einzelnen Unternehmen von mir. Das ist normal und kein Problem, solange die einzelnen Verlustpositionen nicht zu groß und häufig werden.

Fazit

Ich habe Dir mit diesem Beitrag meine "Rule of 30" vorgestellt, die ich seit Jahren als überlegene Alternative zu Stopkursen für mich entdeckt habe.

Aber es gibt sicherlich verschiedene erfolgversprechende Möglichkeiten zum Umgang mit Buchverlusten.

Wichtig ist vor allem, dass Du überhaupt eine Strategie hast und die auch konsequent befolgst.

Mein Tipp: schau Dir Dein Depot jetzt doch mal genau daraufhin an, ob sich da eventuell irgendwelche Depotleichen verstecken, die Du schon seit Jahren erfolgreich verdrängt hast. Der erste Schritt zum vernünftigen Umgang mit Buchverlusten ist es, diese Leichen zu entsorgen. Das befreit ungemein.

Und dann überlegst Du Dir im zweiten Schritt, wie Du zukünftig mit Buchverlusten umgehen willst.

Traust Du Dir zu, meine Rule of 30 mal auszuprobieren oder willst Du doch lieber mit Stopkursen agieren?

Schreib mir doch mal in den Kommentaren, welche Strategie zum Umgang mit Buchverlusten für Dich am besten passt.

#RuleOf30 #Stopkurse

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