• Stefan Waldhauser

5 Tipps fürs Überleben im Bärenmarkt


Ist auch Dein Aktien Portfolio in den vergangenen Tagen und Wochen ganz schön unter die Räder gekommen?


Wie hast Du Dich dabei gefühlt?


Hast Du in etwa 27 mal am Tag auf die sinkenden (und dann wieder zwischenzeitlich stark ansteigenden) Kurse gestarrt und dabei viel Nerven und Zeit verbraucht?


Dann ist dieser Beitrag etwas für Dich!


Viele von Euch haben noch keinen ausgewachsenen Bärenmarkt erlebt. So nennt man eine Phase am Aktienmarkt mit länger anhaltend fallenden Kursen. Mit Ausnahme des Corona-Crashs im März 2020 (und einer ebenfalls kurzen aber heftigen Korrektur Ende 2018) haben die Börsen seit 13 Jahren die Anleger mit fast ausnahmslos steigenden Kursen verwöhnt.



Die alten Hasen unter Euch können sich noch an die Verwerfungen durch die Finanzkrise 2008/2009 erinnern, die den Nasdaq-Index um über 50% einbrechen ließen.


Und lediglich Oldies erinnern sich gemeinsam mir noch an die Zeiten nach dem Platzen der Dotcom-Blase anno 2000-2002: Damals verlor der Nasdaq Index 80% von seinen Höchstständen und brauchte danach 13 Jahre bis er 2015 endlich ein neues All-Time-High erreichte. Was danach folgte waren immer neue Kursrekorde.



Wie geht es nun weiter an den Börsen?


Meine Kristallkugel ist leider immer noch kaputt. D.h. ich habe keine Ahnung, ob es sich aktuell nur um eine weitere kurze aber heftige Korrektur handelt oder ob größeres Ungemach droht. Der Nasdaq100 Index hat bisher zwar nur gut 15% korrigiert, aber der auf Software-Aktien fokussierte Nasdaq Cloud Index verzeichnet aktuell mit -39% den größten Drawdown seiner noch jungen Geschichte.


Ich möchte Euch empfehlen, dass ihr Euch mental darauf einstellt, dass wir u.U. derzeit den Anfang eines echten Bärenmarktes erleben, d.h. eine Phase länger anhaltend fallender Kurse. Das allgemeine Makro-Umfeld mit steigenden Zinsen und drohender Stagflation (zumindest in Europa) sieht jedenfalls ganz danach aus.


Aber selbst dieses Negativ-Szenario ist für uns Börsianer nicht das Ende der Welt: Ich habe in meinen mittlerweile fast 35 Börsenjahren schon etliche Bärenmärkte durchlebt und ich kann Dir sagen:


Ja, insbesondere der erste Bärenmarkt fühlt sich echt bescheiden und nervenaufreibend an.


Aber mit der richtigen Strategie kannst Du als mittel- bis langfristig orientierter Investor auch in Zeiten allgemein fallender Kurse durchaus Freude haben und Outperformance erzielen mit Deinen Aktieninvestments.


Allerdings musst Du akzeptieren, dass es in einem Bärenmarkt auch mal das ein oder andere Jahr geben wird, in dem Du Verluste erleiden wirst. Denn in einem Bärenmarkt werden zunächst mal alle Aktien unabhängig von ihrer Qualität abverkauft.


Meiner Erfahrung nach sind die Jahre in der Erholung danach aber umso stärker, sofern Du die richtigen Qualitätsaktien im Portfolio hast. In diesen Phasen habe ich jedenfalls in der Vergangenheit immer die größte Outperformance erzielt.


Hier ein paar Tipps zum Verhalten im Bärenmarkt:


1. Vorsicht vor dem “Buy the Dip”

In einem echten Bärenmarkt ist es keineswegs so, dass jede größere Kurskorrektur eine Gelegenheit zum Nachkaufen ist. Denn was passiert mit Deinem Investment, wenn Du nach einer 80% Korrektur kaufst, die Aktie aber in der Baisse 90% verliert bis zu ihrem Tiefpunkt?


Dann sitzt Du erstmal auf Buchverlusten in Höhe von 50%.


Du denkst das ist ein Extrembeispiel eines Meme-Stocks? Dann möchte ich Dir entgegnen, dass sogar Amazon in 2000/2001 weit über 90% verloren hat, bevor die Aktie zu ihrem Höhenflug um 20.000% startete!


Ich hatte kürzlich erst in einem anderen Beitrag anhand ein paar aktuellen Beispielen näher erläutert, warum Buy the Dip keine gute Anlagestrategie ist. Schau doch mal in diesen besonders viel gelesenen Artikel rein, falls Du ihn verpasst hast.


2. Bei volatilen Growth-Aktien gibt es oft keine Bodenbildung

Einige Anleger raten dazu, im Bärenmarkt ganz aus relativ hoch bewerteten Growth-Aktien rauszugehen, um erstmal “eine Bodenbildung abzuwarten”. Ich halte davon nichts. Denn es hat sich in den letzten Korrekturen immer wieder gezeigt, dass es gerade bei Tech-Aktien sehr oft zu einer Übertreibung nach unten und danach zu einer schnellen V-förmigen Kurserholung kommt.


Eine Bodenbildung abzuwarten bedeutete da, den Wiedereinstieg zu verpassen. Eine solche V-förmige Erholung solltest Du in einem Umfeld allgemein fallender Kurse bei einer Aktie allerdings nur dann erwarten, wenn trotz sinkender Kurse und Bewertung weiterhin gute fundamentale Nachrichten aus “Deinem” Unternehmen kommen.


Diese Nachrichten können zwar eine Zeitlang in der allgemeinen Weltuntergangsstimmung eines Bärenmarktes untergehen. Gute News bzw. Geschäftszahlen werden sich aber dennoch langfristig im Kurs widerspiegeln und eine Kurserholung unterstützen bzw. beschleunigen.


Qualität setzt sich eben letztendlich doch durch. Und der Preis eines Unternehmens an der Börse (d.h. der Aktienkurs) wird sich auch nach einer Übertreibung nach unten mittel- bis langfristig dem echten Unternehmenswert immer wieder annähern.


3. Kaufe in der Kapitulation

In jedem lang anhaltenden Bullenmarkt gibt es eine Vielzahl besonders gieriger Spekulanten, die Wertpapierkredite nutzen, um ihre Renditen in die Höhe zu treiben.


Allen Privatanlegern rate ich unter allen Umständen davon ab, die von den Brokern gerne gewährten Wertpapierkredite in Anspruch zu nehmen. Auch wenn diese in Zeiten niedriger Zinsen und hoher Aktienrenditen noch so attraktiv erscheinen.


Denn was passiert, wenn die Kurse auf Talfahrt gehen?


Die für den Kredit als Sicherheit von der Bank akzeptierten Aktien verlieren (wenn auch nur vorübergehend) an Wert und lösen beim Fall unter die Beleihungsgrenze die berühmt-berüchtigten “Margin Calls” aus. D.h. die Bank wird auf einen Kontoausgleich drängen.


Möglich ist das dann oft nur durch den Verkauf von eigentlich erfolgsversprechenden Aktien. Du müsstest also im schlimmsten Fall unfreiwillig in die für Dich ungünstigen niedrigen Kurse mitten im Bärenmarkt hinein verkaufen und Deine Verluste realisieren. Oder aber Deine Bank übernimmt die Liquidation Deines Depots für Dich. Das wäre dann der Super-GAU.


Daher: Der Aktienkauf auf Kredit kann unüberschaubare Folgen haben und sollte daher für Dich unter allen Umständen tabu sein.


Ein ähnlicher Effekt des “Forced Selling” (das sind unfreiwillige Verkäufe) ergibt sich im Bärenmarkt u.U. auch bei Aktienfonds, die mit Mittelabflüssen zu kämpfen haben. Wollen viele Anleger angesichts sinkender Kurse mehr oder weniger gleichzeitig aus einem Aktienfonds aussteigen, so müssen die Fondsmanager - ob die wollen oder nicht - kurzfristig Aktien verkaufen, um die Einlagen an die Anleger auszahlen zu können.


In den vergangenen Wochen war zu beobachten, dass die in den ARK Invest ETFs der Starinvestorin Cathie Wood enthaltenen Technologieaktien weit überproportional an Wert verloren haben. Ich habe das nicht näher analysiert, aber es kann gut sein, dass wir es hier bereits mit “Forced Selling” Transaktionen dieser Fonds und/oder ihrer zahlreichen Follower zu tun hatten.


Es ist nicht einfach zu erkennen, wann wir es in einem Bärenmarkt mit unfreiwilligen Verkäufen zu tun haben. Aber für mich ist es ein gutes Zeichen, wenn in einer längerfristigen Abwärtsbewegung ein Punkt erreicht ist, der sich durch extreme Kursausschläge nach unten auszeichnet, der sogenannten Kapitulation der Anleger.


Denn erst wenn diese Welle von oftmals erzwungenen Verkäufen vorbei ist, dann ist meist der Absturz fürs erste vorbei und eine Gegenbewegung (Bärenmarktrallye) wird wahrscheinlicher.


4. Nachkaufen in kleinen Tranchen

Es ist i.d.R. unmöglich, die Käufe in fallenden Märkten so zu timen, dass man die Tiefkurse erwischt. Ich versuche das Timing daher erst gar nicht. Sondern ich empfehle, den Einstieg bzw. Nachkauf in fallende Kurse hinein gestaffelt vorzunehmen.


Wenn ich vom Wert eines Unternehmens in der realen Welt außerhalb der Börse und von einer entsprechenden Unterbewertung einer Aktie überzeugt bin, dann nutze ich immer weiter fallende Kurse zu immer neuen Nachkäufen in kleinen Tranchen.


Böse Zungen bezeichnen das als “Ruinöse Nachkaufstrategie”. Aber ich habe in den vergangenen 30 Jahren meine größten Erfolge immer dann erzielt, wenn ich antizyklisch die Aktien “meiner” Unternehmen voller Überzeugung dann gekauft habe, wenn sie nach heftigen Kursverlusten kaum ein anderer Anleger haben wollte.


Aktuelles Beispiel für dieses Verhalten ist mein kürzlich erfolgter Einstieg bei der Upstart Aktie für das High-Tech Stock Picking wikifolio:

Mein Timing war alles andere als glücklich. Nach dem erstmaligen Kauf am 12.01.22 zu 110,70€ ging es zunächst in nur 2 Wochen über 30% weiter abwärts. Und das obwohl die Upstart Aktie vor meinem Einstieg bereits 70% verloren hatte. Ich habe in den vergangenen Wochen die Upstart Aktie in kleinen Tranchen insgesamt 3x nachgekauft (zuletzt zu 69,84€) und den durchschnittlichen Einstiegspreis damit deutlich verbilligt.


Ob wir bei Upstart damit den Tiefpunkt gesehen haben? Das weiß ich leider genauso wenig wie ihr.


5. Rebalancing in der Bärenmarktrallye

In einem echten länger andauernden Bärenmarkt kommt es immer wieder zu starken kurzfristigen Gegenbewegungen nach oben, den sogenannten Bärenmarktrallyes. In dieser Phase kann eine Aktie nach einer Kurshalbierung durchaus auch mal innerhalb kurzer Zeit um 50% steigen (dann hat sie übrigens immer noch 25% verloren!), bevor die nächste Abwärtswelle mit neuen Tiefständen einsetzt.


Wenn man durch mehrere Nachkäufe eine ordentliche Position einer “ausgebombten” Aktie erworben hat, dann reicht u.U. eine solche Bärenmarktrallye aus, um für eine eigentlich unerwünschte Übergewichtung dieser Aktie im Portfolio zu sorgen.


Es ist wichtig auch in solchen schlechten Börsenphasen die Diversifikation Deines Portfolios aufrecht zu erhalten. Ich empfehle eine maximale Gewichtung von 10-12% (bei kleineren Depots 15%) in einer einzigen Aktie. Sollte durch eine Gegenbewegung eine Position zu groß geworden sein, so rate ich zu einer Reduktion der Position - auch wenn die Aktie Dir langfristig gesehen immer noch unterbewertet erscheint.


Dieses Rebalancing erfolgt ausschliesslich aus Gründen einer Optimierung der Diversifikation - und hat nicht mit der Einschätzung des weiteren Kurspotenzials zu tun.


Und nun?


Anstatt des üblichen Fazits möchte ich diesen Beitrag abschließen mit einem Zitat des britischen Hedgefonds-Managers Crispin Odey, das ich schamlos vom großartigen Michael Kissig und seinem Intelligent Investieren Blog geklaut habe:

"Es braucht drei Bärenmärkte, um zu wissen, was zu tun ist. Der erste löscht Dich fast aus, im zweiten lernst Du zu überleben und den dritten packst Du am Genick und genießt es."

Wenn Du in diesem Sinne den Bärenmarkt gemeinsam mit mir “genießen” willst, dann kannst Du jetzt hier meinen kostenlosen wöchentlichen Newsletter bestellen.


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