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10 Jahre High-Tech Stock Picking wikifolio : Eine Achterbahnfahrt mit offenem Ende

  • Autorenbild: Stefan Waldhauser
    Stefan Waldhauser
  • 12. Juni
  • 6 Min. Lesezeit
High-Tech Stock Picking wikifolio

Heute vor genau zehn Jahren, am 12. Juni 2016, ist mein High-Tech Stock Picking wikifolio gestartet. Zehn Jahre sind an der Börse eine lange Zeit. In diesem Falle waren sie lang genug, um einen kompletten Zyklus aus Euphorie, Übertreibung, Crash, Ernüchterung und neuer Hoffnung zu erleben. Und genau das war es: eine echte Achterbahnfahrt.



Als ich das wikifolio damals gestartet habe, war meine Idee relativ klar: Ich wollte weltweit nach meiner High-Growth-Investing Strategie value-orientiert in langfristig aussichtsreiche Technologieunternehmen investieren. Nicht in die großen Big Tech Namen, die jeder kennt und die ohnehin in jedem Index und ETF hoch gewichtet sind. Sondern in Unternehmen aus der zweiten und dritten Reihe, die mit Software, Plattformmodellen, neuen Geschäftsmodellen oder disruptiver Technologie ihre Märkte verändern können und vernünftig bewertet sind.


Ich wollte fundamentale Analyse, meine langjährige Erfahrung aus der Softwarebranche und antizyklisches Investieren miteinander verbinden. Rückblickend war das bisher leider nur in den ersten fünf Jahren von 2016 bis 2021 eine sehr erfolgreiche Kombination.


Der Höhepunkt dieser ersten Phase kam am 16. November 2021. An diesem Tag erreichte das wikifolio einen Stand von ziemlich genau 400 Euro. Das entsprach gegenüber dem Startwert einer Vervierfachung in etwas mehr als fünf Jahren bzw. einer durchschnittlichen jährlichen Performance von ca. 30%. Nach allen Kosten des wikifolio-Zertifikats wohlgemerkt.


In den ersten Jahren schwamm mein Musterportfolio auf einer fünf Jahre währenden Erfolgswelle, ich konnte gleich mehrere Tenbagger feiern. Natürlich war das nicht nur meiner Stock-Picking-Leistung geschuldet. Der Rückenwind war enorm. Cloud-, Software- und Plattformaktien waren damals die Lieblinge des Marktes. Wiederkehrende Umsätze, hohe Bruttomargen, skalierbare Geschäftsmodelle und starkes Wachstum wurden in der damaligen Niedrigzinsphase von Investoren mit immer höheren Multiples belohnt.


Mit der Performance kamen auch die Investoren. Tausende von Anlegern investierten in das zu meinem Musterportfolio gehörende wikifolio-Zertifikat. In der Spitze war dieses Zertifikat im Jahr 2021 mehr als 20 Mio. Euro schwer. Das war eine großartige Bestätigung und Motivation für mich, aber auch eine große Verantwortung. Denn wenn viele Menschen gemeinsam mit einem investieren, fühlt sich ein Drawdown durchaus anders an, als wenn man nur sein eigenes Depot verwaltet. Aber ich merkte schnell, dass mir diese Herausforderung Freude bereitet und nicht etwa schlaflose Nächte.


Wenn ich heute alte Blogbeiträge aus dieser Zeit lese, ist das für mich interessant und lehrreich zugleich. Damals waren zweistellige Umsatzmultiples bei Software- und Techaktien fast schon Normalität. Ich erinnere mich gut daran, wie schwer es mir fiel, im Jahre 2021 überhaupt noch einigermaßen fair bewertete Aktien für mein Portfolio zu finden. Ich hatte damals durchaus erkannt, dass die meisten SaaS-Aktien seinerzeit erheblich überbewertet waren. Meine Reaktion darauf war eine Cashquote von zeitweise bis zu 30%. Im Nachhinein war das zwar richtig, aber bei weitem nicht ausreichend. Denn es bewahrte das wikifolio nicht davor, den Tech-Crash 2022 voll mitzunehmen.


Nach dem Hoch im November 2021 ging es mit dem wikifolio bis zum Tief Ende Dezember 2022 bei 180 Euro volle 55% abwärts. Das war brutal. Da war es nur ein schwacher Trost, dass der Nasdaq Cloud Index und prominente Tech-Investoren wie Cathie Wood oder in Deutschland Frank Thelen in derselben Zeit teilweise noch deutlich mehr verloren hatten.


Für mich war es 2022 zum dritten Mal in meinem mittlerweile fast 40-jährigen Investorenleben, dass sich mein Aktiendepot halbiert hat: nach dem Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende und nach der Finanzkrise 2008/2009 war mir das auch vorher schon zweimal passiert.


D.h. ich persönlich bin solche Drawdowns gewohnt. Das klingt vielleicht emotionsloser, als es ist. Natürlich macht es auch mir keinen Spaß, wenn über viele Monate hinweg fast alles fällt, was man für langfristig attraktiv hält. Aber ich habe in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach erlebt, dass nach manchmal jahrelangen Durststrecken auch wieder teilweise atemberaubende Erholungen kommen. Wer lange genug investiert, lernt irgendwann, dass zweistellige Durchschnitts-Renditen auch immer mal mit Phasen großer Schmerzen verbunden sind. Das Problem ist nur: Man muss diese Schmerzen auch aushalten können.


Viele Anleger, die gemeinsam mit mir im wikifolio investiert waren, konnten oder wollten diese Phase nicht mitgehen. Das ist absolut nachvollziehbar. Niemand schaut gerne dabei zu, wie ein Investment über Monate oder Jahre unter Druck steht. Die in meinem wikifolio investierten Gelder reduzierten sich bis heute auf knapp 6 Mio. Euro. Viele Anleger zogen ihr Geld ab. Übrig geblieben sind diejenigen, die weiterhin an meine HGI-Strategie glauben, oder zumindest bereit sind, die aktuelle Geduldsprobe gemeinsam mit mir durchzustehen.


Und ja: Es ist eine riesige Geduldsprobe. Denn während KI-Infrastruktur- und Halbleiteraktien im aktuellen Hype von Rekord zu Rekord eilen, musste ich mit ansehen, wie mein Portfolio nach einer schönen zwischenzeitlichen Erholung bis auf rund 340 Euro im Jahr 2026 erneut deutlich unter Druck geriet. Seit Jahresbeginn tauchte das mit vielen Software- und Plattformunternehmen bestückte High-Tech Stock Picking wikifolio nochmals um fast 25% ab. Das ist die Folge dessen, was viele mittlerweile als „SaaSMageddon“ bezeichnen.


Was meine ich damit? SaaSMageddon ist die panikartige Neubewertung vieler Software-as-a-Service-Unternehmen im KI-Zeitalter. Der Markt stellt plötzlich die Frage, ob KI-Agenten klassische Software überflüssig machen könnten. Wenn künftig jeder Mitarbeiter per Sprachbefehl oder Chat mit einem KI-Agenten arbeitet, braucht es dann noch teure Softwareoberflächen? Wenn Vibe-Coding-Tools immer besser werden, bauen Unternehmen ihre individuellen Tools dann einfach selbst? Und wenn Agenten statt Menschen die Arbeit erledigen, was passiert dann mit seat-basierten SaaS-Preismodellen?


Diese Fragen sind prinzipiell berechtigt. Aber die Schlussfolgerung des Marktes halte ich in vielen Fällen für völlig überzogen. Der Markt bewertet etliche Software- und Plattformunternehmen derzeit so, als hätten sie im KI-Zeitalter keine Zukunft mehr. Unternehmen, die vor wenigen Jahren noch zu zweistelligen Umsatz-Multiples gehandelt wurden, gibt es heute teilweise zu einstelligen Cashflow-Multiples. Das ist eine dramatische Veränderung der Erwartungen. Und genau hier liegt aus meiner Sicht eine große Chance.


Meine aktuelle Kernthese für das Portfolio im Jahr 2026 lautet: KI wird Enterprise Software nicht einfach fressen. KI wird Enterprise Software verändern. Das ist ein entscheidender Unterschied.


Natürlich werden einfache Benutzeroberflächen, manuelle Klickarbeit und reine „nice-to-have“-Tools unter Druck geraten. Aber Unternehmen werden auch in einer KI-Welt weiterhin Systeme brauchen, die den verbindlichen Zustand von Unternehmen abbilden: Kunden, Verträge, Rechnungen, Berechtigungen, Prozesse, Historien, Audit-Trails. Ein KI-Agent kann Aufgaben erledigen, aber er braucht weiterhin verlässliche Daten, Rechte, Schnittstellen und ein System, in dem seine Aktionen rechtlich, organisatorisch und operativ sauber verankert sind. Genau deshalb werden starke System-of-Record- und Workflow-Plattformen nicht verschwinden. Im Gegenteil: Sie könnten in einer agentengetriebenen Welt sogar wichtiger werden.


Die Gewinner werden aus meiner Sicht diejenigen Softwareunternehmen sein, die drei Dinge schaffen. Erstens müssen sie über ein tiefes, schwer ersetzbares Datenmodell verfügen. Zweitens müssen sie sich von reinen Benutzeroberflächen zu echten Plattformen für Prozesse, Automatisierung und KI-Agenten weiterentwickeln. Drittens müssen sie ihre Monetarisierung anpassen: weg von ausschließlich seat-basierten Modellen, hin zu einer Kombination aus Seats, Nutzung, Transaktionen, Automatisierungen und API-Aufrufen.


Genau darauf achte ich heute im High-Tech Stock Picking wikifolio. Ich suche nicht nach den angesagtesten KI-Stories. Ich investiere in Unternehmen, bei denen der Markt aus meiner Sicht zu viel Angst und zu wenig Substanz einpreist. Wenn sich der aktuelle KI-Infrastruktur Hype irgendwann normalisiert und die Ernüchterungsphase einsetzt, wird das Kapital wieder dorthin fließen, wo echte Software- und Plattformunternehmen mit wiederkehrenden Umsätzen, hohen Margen, starken Kundenbeziehungen und sinnvollen KI-Anwendungen zu historisch günstigen Bewertungen gehandelt werden.


Natürlich gibt es dafür keine Garantie. Vielleicht unterschätze ich mit meinen mittlerweile annähernd 59 Lebensjahren die Geschwindigkeit der Disruption. Vielleicht werden einzelne Geschäftsmodelle stärker unter Druck geraten, als ich heute erwarte. Vielleicht dauert die Neubewertung der SaaS-Aktien länger, als mir lieb ist. Aber Investieren bedeutet nicht, die Zukunft sicher zu kennen. Es bedeutet für mich persönlich, Wahrscheinlichkeiten einzuschätzen, Geduld mitzubringen und dann konsequent zu handeln, wenn der Aktienkurs und der echte Wert der Aktie in der Realität außerhalb der Börse weit auseinanderliegen.


Nach zehn Jahren High-Tech Stock Picking wikifolio bin ich demütiger geworden. Ich weiß, wie schnell sich Börsenerfolge in Luft auflösen können. Ich weiß, dass nicht alle Anleger die Volatilität ertragen, die mit meiner Investment-Strategie verbunden ist. Ich weiß aber auch, dass die besten Chancen oft dann entstehen, wenn die Stimmung am schlechtesten ist. Deshalb bleibe ich meiner bewährten Anlagestrategie treu: langfristig und unternehmerisch denkend, fundamental, technologiegetrieben und antizyklisch.


Zehn Jahre nach dem Start ist das High-Tech Stock Picking wikifolio mit einer langjährigen Durchschnittsrendite von nur noch knapp 10% p.a. nicht dort, wo ich es mir gerade nach dem Hoch von 2021 erhofft hatte. Vor allem die massive Underperformance gegenüber dem Nasdaq Index in den letzten Jahren ärgert mich.


Aber mein Portfolio ist auch weit entfernt davon, gescheitert zu sein. Es hat einen kompletten Tech-Zyklus überlebt. Es hat eine Vervierfachung erlebt, einen 55%-Drawdown, massive Mittelzuflüsse, massive Mittelabflüsse und nun eine neue Phase der Zweifel.


Aktuell sind die in meinem Portfolio enthaltenen Aktien so günstig bewertet wie noch nie zuvor in den vergangenen 10 Jahren. Für mich fühlt sich das nicht wie das Ende einer Geschichte an. Eher wie der Beginn des nächsten Kapitels.


Danke an alle, die diesen Weg über die Jahre begleitet haben. Und besonders danke an diejenigen, die auch heute noch gemeinsam mit mir investiert sind. Die aktuelle Phase verlangt Geduld, Überzeugung und starke Nerven. Aber genau diese Phasen waren in meiner Investorenlaufbahn oft die Voraussetzung für die wirklich großen Renditen in den Jahren danach.


Ich freue mich auf die kommenden 10 Jahre.


P.S: Seit einiger Zeit erscheinen meine Aktienanalysen nur noch auf dem High Growth Investing Substack und sind teilweise hinter einer PayWall versteckt, um sie vor dem KI Zugriff zu schützen. Diejenigen Leser, die gemeinsam mit mir im wikifolio investiert sind, bekommen weiterhin einen uneingeschränkten kostenlosen Zugang zu allen Inhalten. Bei Interesse bitte einfach eine Nachricht via Substack an mich schreiben.


Disclaimer: Dieser Beitrag ist eine persönliche Meinungsäußerung und wie immer keine Anlageberatung. Ich bin selbst im High-Tech Stock Picking wikifolio und in den enthaltenen Aktien investiert.

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