Aleph Alpha & Cohere: Der stille Verkauf der deutschen KI-Hoffnung
- Stefan Waldhauser

- vor 3 Minuten
- 7 Min. Lesezeit

Manchmal erkennt man eine Übernahme nicht an dem Wort, das in der Pressemitteilung steht, sondern an der Kapitalstruktur dahinter. Genau das ist bei Aleph Alpha und Cohere der Fall. Offiziell wird von einem „Zusammenschluss“, einer „transatlantischen KI-Allianz“ und einem neuen „globalen KI-Champion“ gesprochen. Das klingt nach Augenhöhe, nach deutsch-kanadischer Partnerschaft, nach politisch gewünschter Technologie-Souveränität.
Die nüchterne Realität sieht allerdings anders aus: Denn Cohere hat vereinbart, Aleph Alpha im Rahmen eines Aktientauschs zu kaufen. Die Kanadier expandieren damit nach Europa und erweitern ihren Kundenstamm um Behörden und Unternehmenskunden hierzulande. Punkt. Der Kaufpreis wurde nicht offengelegt.
Laut Handelsblatt-Bericht sollen Cohere-Anteilseigner rund 90 Prozent der kombinierten Gesellschaft erhalten, Aleph-Alpha-Anteilseigner rund 10 Prozent. Das dürfte in etwa dem Verhältnis des Umsatzes beider Unternehmen entsprechen. Gleichzeitig investiert die deutsche Schwarz Gruppe, bisher einer der wichtigsten Aleph-Alpha-Investoren, 600 Millionen Dollar in die nächste Cohere-Finanzierungsrunde.
Damit ist der Kern der Transaktion eigentlich klar. Juristisch und kommunikativ mag man das als Fusion rahmen. Wirtschaftlich ist es defakto eine Übernahme des angeblichen “Vorreiters der deutschen IT-Exzellenz” durch die Kanadier. Cohere bringt die größere Plattform, die stärkere Finanzierung und die internationale Skalierung und offenbar auch die Kontrolle. Aleph Alpha bringt vor allem europäische Glaubwürdigkeit und Kundenbeziehungen im öffentlichen Sektor in Europa ein.
Das ist etwas anderes als der Aufstieg eines angeblichen deutschen KI-Champions in einer transatlantischen Fusion auf Augenhöhe. Daran ändern auch eine Pressekonferenz mit dem deutschen Digitalminster Karsten Wildberger und seinem kanadischen Amtskollege Evan Solomon und eine blumige Pressemitteilung über einen “entscheidenden Schritt für die technologisch souveräne Zukunft beider Länder” nichts.
Die kurze Geschichte der deutschen KI-Hoffnung Aleph Alpha
Aleph Alpha wurde 2019 in Heidelberg von Jonas Andrulis und Samuel Weinbach gegründet. Die große Vision war am Anfang, eine europäische Antwort auf die großen amerikanischen KI-Labore zu schaffen. Aleph Alpha wollte leistungsfähige Sprachmodelle entwickeln, die unter europäischen Datenschutz- und Souveränitätsanforderungen betrieben werden können.
Das Modell Luminous war der technologische Kern der ursprünglichen „deutschen OpenAI“-Story und wurde zeitweise als deutsche Antwort auf GPT gehandelt. Gerade in Deutschland traf diese Story einen Nerv: Endlich ein Unternehmen, das nicht nur eine App auf Basis amerikanische Infrastruktur baut, sondern tiefer in den KI-Stack vordringt.
Der Höhepunkt der öffentlichen Wahrnehmung kam 2023. Damals sammelte Aleph Alpha in einer Finanzierungsrunde mehr als 500 Millionen Dollar ein. Beteiligt waren unter anderem die Schwarz Gruppe, Bosch Ventures, SAP, HPE und weitere Investoren. Die Schwarz Gruppe begründete ihr Investment damals explizit mit souveräner KI, europäischem Datenschutz und der Entwicklung generativer KI für komplexe und kritische Anwendungen, etwa in Infrastruktur und Lieferketten.
Das war die große Aleph-Alpha-Story: KI als vertrauenswürdige Infrastruktur für Verwaltung, Industrie und regulierte Branchen in Europa. Und fairerweise muss man sagen: Aleph Alpha hatte durchaus seine Berechtigung. Das Unternehmen hat früh auf Erklärbarkeit, Quellenbezug, europäische Datenhaltung und den öffentlichen Sektor gesetzt. In einer Zeit, in der viele KI StartUps nur ChatGPT-Wrapper bauten, hatte Aleph Alpha eine eigenständige strategische Positionierung. Ein Deal mit Cerebras zur Lieferung eines KI-Supercomputers für Anwendungen der Bundeswehr zeigte, dass Aleph Alpha in sicherheitskritischen deutschen KI-Projekten durchaus eine Rolle spielte.
Trotzdem muss man Aleph Alpha heute als gescheitert ansehen. Denn das Unternehmen hat es nicht geschafft, ein eigenständiges, global skalierbares KI-Unternehmen zu formen, das mit OpenAI, Anthropic, Google, Meta oder auch der französischen Mistral dauerhaft mithalten kann.
Daher hat man die Entwicklung großer KI-Sprachmodelle schon 2024 aufgegeben und sich auf spezialisierte KI-Anwendungen für Unternehmen fokussiert. Das war kein kleiner Pivot. Aleph Alpha hatte sich damit von dem ursprünglichen Anspruch verabschiedet, ganz vorne im Rennen um die leistungsfähigsten KI-Modelle der Welt mitzuspielen.
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Deutschlands Sehnsucht nach digitaler Unabhängigkeit
Dass der Deal in Deutschland in den Massenmedien trotzdem so positiv dargestellt wird, hat viel mit einer tiefen deutschen Sehnsucht zu tun. Deutschland möchte endlich digital unabhängiger werden. Nicht mehr nur Kunde von Microsoft, Amazon, Google, Nvidia, OpenAI und Meta sein. Nicht mehr bei jeder neuen Technologiewelle feststellen, dass die entscheidenden Plattformen, Chips, Clouds, Betriebssysteme und Modelle anderswo entstehen.
Diese Sehnsucht ist für mich als deutschen Staatsbürger und Steuerzahler absolut nachvollziehbar. Gerade bei KI geht es nicht nur um Effizienz und Produktivität. Es geht um Daten, Verwaltung, kritische Infrastruktur, Verteidigung, Gesundheitswesen und industrielle Wertschöpfung. Die offizielle Pressemitteilung zum Cohere-Aleph-Alpha-Deal spricht deshalb zurecht von einer unabhängigen, unternehmensfähigen und souveränen Alternative in einer Zeit zunehmender KI-Konzentration. Organisationen sollen ihre eigenen KI-Stacks kontrollieren können, statt die Kontrolle an einzelne US-amerikanische Anbieter oder Infrastrukturen abzugeben.
Auch politisch passt der Deal perfekt in die aktuelle Zeit. Deutschland und Kanada haben Anfang 2026 am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz eine Sovereign Technology Alliance gestartet, um strategische Technologieabhängigkeiten zu reduzieren und souveräne KI-Kapazitäten aufzubauen. Die Transaktion ist damit nicht nur ein Unternehmensdeal. Sie ist auch eine industriepolitische Inszenierung.
Genau deshalb ist die Sprache so wichtig wie unehrlich. „Fusion“ klingt nach Aufbruch. „Übernahme“ klingt nach Kapitulation. „Globaler KI-Champion“ klingt besser als „deutsche KI-Hoffnung wird in kanadische Firma integriert“. Aber als Investoren sollten wir weniger auf die PR-Vokabeln achten und mehr auf Eigentum, Kontrolle und Kapitalflüsse. Und da verbleibt nach der Transaktion sehr wenig auf der deutschen Seite.
Cohere: Der kanadische Gegenentwurf zu OpenAI
Cohere wurde wie Aleph Alpha ebenfalls 2019 gegründet, allerdings in Toronto. Das Unternehmen positionierte sich von Anfang an als Enterprise-AI-Anbieter. Cohere baut also Foundation Models und KI-Lösungen für Unternehmen. Das Unternehmen sammelte zwischen 2021 und 2025 in fünf großen Finanzierungsrunden ungefähr 1,5 Milliarden Dollar ein und wurde zuletzt mit 6,8 Milliarden Dollar bewertet.
Der entscheidende Unterschied zu Aleph Alpha liegt in der Skalierung. Cohere hat in den 7 Jahren seit der Gründung international deutlich mehr Kapital, Partnerschaften und kommerzielle Traktion aufgebaut. Reuters berichtete im Mai 2025, Cohere habe seine annualisierten Umsätze auf rund 100 Millionen Dollar verdoppelt, getrieben durch sichere, kundenspezifische KI-Werkzeuge für Unternehmenskunden in regulierten Branchen. Rund 85 Prozent des Geschäfts kamen demnach aus Private Deployments, also kundenspezifischen, abgeschotteten Bereitstellungen von KI abseits der öffentlichen Clouds.
Cohere ist damit also keineswegs ein OpenAI in klein. Aber es ist ein ernstzunehmender, gut finanzierter Enterprise-AI-Anbieter mit klarem Fokus auf regulierte Geschäftskunden. Strategisch passen Cohere und Aleph Alpha daher durchaus zusammen. Beide erzählen die Story der sicheren, kontrollierbaren, souveränen KI. Beide meiden den reinen Consumer-Hype. Beide wollen Unternehmen und Behörden adressieren, bei denen Datenschutz, Compliance und Kontrolle wichtiger sind als der lustigste Chatbot.
Aber genau deshalb ist es auch so offensichtlich, wer hier wen übernimmt.
Warum diese „Fusion“ wohl eher ein Notverkauf ist
Die wichtigste Zahl ist die 90/10-Struktur. Wenn Cohere-Anteilseigner rund 90 Prozent der kombinierten Gesellschaft erhalten und Aleph-Alpha-Anteilseigner rund 10 Prozent, dann ist das keine Fusion unter Gleichen. Das ist eine Kombination, in der eine Seite klar dominiert. Noch deutlicher wird es, wenn man die Kapitalflüsse betrachtet: Die Schwarz Gruppe investiert nicht etwa neues Geld in Aleph Alpha, sondern 600 Millionen Dollar in Cohere. Gleichzeitig soll die kombinierte Firma mit der Schwarz Gruppe und deren Cloud-Service STACKIT zusammenarbeiten, der als europäischer Hyperscaler positioniert wird.
Für Cohere ist Aleph Alpha ein strategischer Türöffner nach Europa. Das Unternehmen erhält Zugang zu deutschen und europäischen Kunden, zu politischen Beziehungen, zu Souveränitätsnarrativen und zur Infrastruktur der Schwarz Gruppe. Für Aleph Alpha ist Cohere dagegen die Plattform, in der das eigene Überleben und die weitere Skalierung überhaupt erst realistisch werden.
So sieht kein Triumph aus. So sieht eine Rettung in einer größeren Struktur aus.
Die Rolle der Schwarz Gruppe
Die Schwarz Gruppe ist in dieser Geschichte vielleicht der spannendste Akteur. Denn sie ist nicht einfach irgendein deutscher Tech-Investor. Hinter Schwarz steht einer der größten Handelskonzerne Europas: Unter ihrem Dach befinden sich unter anderem Lidl, eine der weltweit größten Discount-Supermarktketten, und Kaufland, eine große europäische Supermarktkette. Aber inzwischen besitzt der Konzern eben auch eine ernsthafte Digital- und Cloud-Ambition über Schwarz Digits und STACKIT. Schon 2023 investierte Schwarz gemeinsam mit anderen Investoren in Aleph Alpha, um souveräne KI nach europäischen Datenschutzstandards voranzutreiben.
Im Januar 2026 wollte Schwarz die Beteiligung an Aleph Alpha weiter ausbauen und die Anteile von Bosch Ventures übernehmen. Offiziell wurde das in der Pressemitteilung als Vertrauensbeweis in souveräne deutsche KI-Lösungen und als Schritt zur Stärkung europäischer digitaler Souveränität begründet.
Jetzt verschiebt sich diese Rolle. Schwarz bleibt nicht einfach Aleph-Alpha-Investor, sondern wird Lead-Investor in der kommenden Cohere-Finanzierungsrunde. Gleichzeitig soll STACKIT zum technischen Rückgrat des souveränen Angebots werden. Das fusionierte Unternehmen soll über STACKIT ein souveränes Angebot bereitstellen, während Schwarz die Serie-E-Finanzierung von Cohere mit 600 Millionen Dollar unterstützt.
Das ist aus Schwarz-Sicht strategisch gut nachvollziehbar. Wenn Aleph Alpha allein nicht groß genug wird, um eine echte Alternative zu US-Hyperscalern zu sein, dann bündelt man das eigene Cloud-Asset mit einem größeren KI-Player. Schwarz bekommt damit womöglich mehr Einfluss auf einen relevanten Enterprise-AI-Anbieter als zuvor auf ein isoliertes deutsches Startup mit begrenzter Skalierung.
Für Aleph Alpha ist das allerdings eine bittere Pille. Der wichtigste deutsche Investor setzt seine nächste große KI-Wette nicht mehr auf Aleph Alpha allein, sondern auf Cohere.
Warum deutsche Medien trotzdem von Fusion sprechen
Dass viele deutsche Medien den Deal als Fusion darstellen, ist aus meiner Sicht kein Zufall.
Man übernimmt man damit die Sprache der offiziellen Pressemitteilung. Dort ist von „join forces“, „combined entity“, „transatlantic alliance“ und einem neuen globalen KI-Powerhouse die Rede. Zudem passt „Fusion“ besser zur politischen Agenda.
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger sprach von einem „globalen KI-Champion“ und einer Alternative „Made in Germany, Made in Canada“. Gleichzeitig wurde nicht offiziell erwähnt, dass Cohere etwa 90 Prozent an der fusionierten Firma halten soll und Aleph Alpha etwa 10 Prozent.
Damit will man unbedingt vermeiden, dass ausgerechnet eines der wenigen deutschen KI-Vorzeigeunternehmen als gescheitertes Projekt wahrgenommen wird. Deutschland braucht dringend Erfolgsgeschichten im Tech-Bereich. Also wird aus einer Übernahme eine Fusion und Aleph Alpha wird vom Zielobjekt zum Partner.
Das ist menschlich verständlich. Aus analytischer Sicht ist es jedoch gefährlich, wenn man sich die Dinge schönredet, wie es in der deutschen Politik viel zu oft der Fall ist.
Fazit: Eher keine Fusion und gewiss keine Erfolgsstory
Man kann diesen Deal auf zwei Arten lesen. Die optimistische Lesart lautet: Hier entsteht eine deutsch-kanadische KI-Allianz, unterstützt von zwei Regierungen, getragen von der Schwarz Gruppe, mit europäischer Cloud-Infrastruktur und Fokus auf souveräne KI für regulierte Branchen. Das ist besser, als wenn Aleph Alpha einfach verschwunden wäre.
Die realistischere Lesart lautet aber: Die große deutsche KI-Hoffnung hat den Kampf um eigenständige Skalierung verloren. Aleph Alpha wurde nicht zum europäischen OpenAI. Nicht einmal zum europäischen Cohere. Stattdessen wird Aleph Alpha nun Teil von Cohere, während die kanadische Seite offenbar rund 90 Prozent der kombinierten Firma kontrollieren soll.
Strategisch wirkt der Deal auf mich wie das Ende der ursprünglichen Ambition: Der Traum eines eigenständigen deutschen KI-Champions wird verkauft – nicht an die USA, sondern an Kanada.
Das ist vielleicht die versöhnlichere Variante eines Scheiterns. Aber es bleibt ein Scheitern der ursprünglichen Story. Aleph Alpha war angetreten, um Deutschland und Europa im Fundament der KI unabhängiger zu machen. Am Ende braucht Aleph Alpha nun doch selbst einen ausländischen Partner, um diese Souveränitätsgeschichte weiter erzählen zu können.
Und genau darin liegt die eigentliche Lektion: Digitale Souveränität entsteht nicht durch Pressekonferenzen, politische Schlagworte oder nationale Hoffnungsträger ohne Substanz. Sie entsteht durch Kapital, Talent, Infrastruktur, Kunden, Geschwindigkeit und Pragmatismus. In all diesen Dimensionen war Aleph Alpha am Ende viel zu klein und daher ist diese Übernahme die logische Konsequenz.
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