Warum ich meine Abhängigkeit von US-Tech-Aktien überdenke
- Stefan Waldhauser

- vor 13 Minuten
- 7 Min. Lesezeit

Ich habe jetzt einige Wochen lang darüber nachgedacht, ob ich diesen Beitrag schreiben soll. Denn ich will hier keinesfalls in geopolitische Diskussionen über eine neue Weltordnung abdriften, dafür gibt es genügend andere Autoren.
Hier auf diesem Blog und meinem High Growth Investing Substack geht es um das Investieren in Technologie- und Wachstumsaktien, und ich kann Euch versprechen, dabei soll es auch zukünftig bleiben.
Aber ich bin nun mal ein Investor aus der Eurozone, habe meine Lebensmittelpunkte in Deutschland, Spanien und Griechenland, bin aber gleichzeitig seit vielen Jahren mit meinem Aktienvermögen zu einem großen Teil in US-Technologiewerten investiert.
Ist die Investition in US-Tech-Aktien als Europäer heraus noch sinnvoll?
Im Jahr 2025 musste ich mit ansehen, wie der US-Dollar 12 % gegenüber dem Euro verloren hat, mit den entsprechenden Währungsverlusten in meinem Aktiendepot. Und auch in diesem Jahr dürfte die Tendenz eines schwächelnden US-Dollars so weitergehen, zumindest falls es nach Donald Trump geht, und er seine MAGA-Politik auch nach den Zwischenwahlen weiter so entschlossen durchziehen kann.
Der US-Präsident sagte vor einigen Wochen, dass der Wert des Dollars „großartig“ sei, als er gefragt wurde, ob er denke, dass er zu sehr gesunken sei, und verstärkte damit den Druck auf den Dollar, der ein Vierjahrestief erreichte.
„No, I think it’s great … The dollar’s doing great.”
Donald Trump, 27. Jan. 2026
Die Hausse bei Gold (+78% in den letzten 12 Monaten) und Silber (+157% trotz Crash im Januar) wird wohl auch dadurch getrieben, dass der US-Dollar als sicherer Hafen bei Anlegern weltweit immer mehr in Frage gestellt wird.
Zudem ist zu beobachten, dass sich immer mehr institutionelle europäische Investoren zumindest ein Stück weit aus USA zurückziehen: Umfragen unter Fondsmanagern zeigen Kürzungen in US-Aktienexposure, Flow-Daten dokumentieren zumindest zeitweise Abflüsse aus US-Aktienfonds zugunsten Europas und Reuters berichtete, dass nordeuropäische Pensionsfonds ihr US-Exposure wegen der zunehmenden geopolitischen und fiskalischen Risiken neu bewerten.
All diese Nachrichten geben mir natürlich auch zu denken, und es ist an der Zeit, mich und meine Geo-Allokation einmal generell zu hinterfragen.
Woher kommt eigentlich meine Vorliebe für US Tech Aktien?
Ich bin ein unternehmerisch denkender Tech-Investor, der nach den Grundprinzipien des Value-Investings längerfristig in qualitativ hochwertige Unternehmen investiert, die ich möglichst gut verstehen will. Dabei ist es mir prinzipiell sogar egal, ob diese Unternehmen börsennotiert sind oder nicht. Es geht mir generell um eine möglichst gut vorhersehbare Wertsteigerung der Unternehmen auf Sicht eines Anlagehorizontes von mindestens 3 bis 5 Jahren.
Meine berufliche Vergangenheit liegt in der internationalen Softwareindustrie. Als Gründer eines europäischen Software-Startups, das ich ins Silicon Valley verkaufen durfte, habe ich erfahren dürfen, wie unterschiedlich die Tech-Branche diesseits und jenseits des Atlantiks tickt. Besonders wertvoll ist für mich persönlich, dass ich diese Erfahrungen sowohl auf Seite der Software-Unternehmer als auch auf Seite der Investoren machen durfte.
Um an der Technologiebörse Nasdaq einen erfolgreichen Börsengang hinlegen zu können, braucht es in der Software-Welt normalerweise ein Umsatzniveau über $100 Mio. und ein nachhaltiges und organisches Wachstum von mindestens 30% p.a.
Das sind hohe Anforderungen, viel höher, als diejenigen, die es in Europa braucht, um hierzulande ein Unternehmen an die Börse zu bringen.
Zumindest war das meine US Erfahrung in der Zeit, in der ich in der internationalen Softwareindustrie groß geworden bin. Das war vor 10-20 Jahren, d.h. lange vor dem SPAC-Boom, der es möglich machte, dass es zunehmend auch qualitativ minderwertige Companies an die Nasdaq schaffen. Aber das ist ein anderes Thema.
US IPOs made in Europe
Erfolgreiche Tech-Unternehmen waren in den USA seit Jahrzehnten immer schon wesentlich mehr wert als in Europa. Das liegt wohl an der unterschiedlichen Kultur jenseits und diesseits des Atlantiks. Der wahre Wert der digitalen Unternehmen, der im geistigen Eigentum und den Netzwerkeffekten der Nutzerbasis liegt, wurde in Europa niemals so richtig verstanden und wertgeschätzt.
Und so ist es wenig verwunderlich, dass die besten europäischen Softwarefirmen in den letzten 20 Jahren mit erschreckender Regelmäßigkeit in die USA gegangen sind, um dort die Börsennotierung anzustreben. Ich habe mein eigenes Software-Startup an ein solches Unternehmen verkauft und habe seitdem ein Faible für Unternehmen wie Elastic oder UiPath aus meinem Portfolio, die es mit europäischen Wurzeln ausgestattet bis an die Nasdaq geschafft haben.
Weitere prominente Namen auf dem Nasdaq-Kurszettel mit Ursprung in Europa sind z.B. Spotify und die zuletzt so unter Druck geratene Unity. Und dann gibt es auch noch die traurigen Beispiele erstklassiger europäischer Software-Companies wie Zendesk (IPO 2014) und Qlik (IPO 2010), die nach einigen Jahren an der US Börse in einem „Going Private“ von US Private Equity übernommen und zu gedrückten Multiples von der Börse genommen wurden.
Wenn die besten europäischen Tech-Firmen in den USA an die Börse streben, dann bleiben für den zersplitterten europäischen Kapitalmarkt logischerweise nur noch Unternehmen zweiter Klasse. Interessante Tech-Börsengänge in Europa waren in den vergangenen Jahren daher tatsächlich Mangelware.
Die beiden größten Software IPOs in meiner Heimat, in Deutschland, waren in den vergangenen Jahren TeamViewer und SuSe. Beide waren ein einziges Trauerspiel:
Der Linux Distributor SuSe platzierte im Mai 2021 Aktien im Wert von über 1 Mrd. Euro zum Ausgabepreis von 30 €, und nur zwei Jahre später erfolgte das Delisting durch den Private Equity Großaktionär zu 16 €. So etwas ist eine Katastrophe für den Finanzplatz Frankfurt.
Die Fernwartungs-Software TeamViewer wurde von Private Equity 2019 zu mehr als 26€ und an die Börse gebracht, das entsprach einer Bewertung von mehr als 8 Mrd. Euro. Schon damals war für aufmerksame Beobachter klar, dass es sich bei dem IPO weniger um eine Wachstumsfinanzierung, sondern mehr um einen Exit-Kanal für den Großaktionär ging. Heute dümpelt die TeamViewer Aktie bei einem Kurs von weniger als 5€ zu einem einstelligen Cashflow-Multiple herum und wartet auf ihr, wie auch immer geartetes, Delisting. Eine erfolgreiche europäische Tech-Börsenstory sieht sicherlich anders aus.
Könnten europäische Tech-IPOs ein Revival erleben?
Ich bin sehr gespannt, wie sich die derzeit erfolgversprechendsten europäischen IPO-Kandidaten in den kommenden Jahren orientieren werden. Ich als Software-Mensch denke da z.B. an Software-Unicorns wie
Celonis (Process Intelligence)
Mistral AI (LLMs)
Personio (HR)
DeepL (Language AI)
Lovable (AI Vibe-Coding)
Ich würde mir als SaaS Investor wünschen, dass der europäische Kapitalmarkt für diese europäischen Unternehmen zu einer echten Alternative zu einem US Börsengang avanciert.
Eine gemeinsame europäische Börse als Alternative zur Nasdaq?
Die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass die europäischen Politiker endlich aufwachen und bessere Voraussetzungen für europäische Börsengänge schaffen. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich zuletzt deutlich für eine größere Unabhängigkeit der EU gegenüber den USA ausgesprochen und dringt auf einen offenen, einheitlichen EU Kapitalmarkt. Nach diesem Plädoyer von Bundeskanzler Friedrich Merz für eine gemeinsame europäische Börse haben gleich mehrere Finanzplätze in der EU Zustimmung signalisiert.
Allerdings sind die meisten der europäischen Unicorns bereits vorbörslich mit US Risikokapital ausgestattet, so dass sich mein Optimismus in Grenzen hält, dass sich an der Dominanz der US Börsen als Anlaufstelle für erstklassige europäische Tech-Unternehmen kurzfristig etwas ändern könnte.
Zumindest sollte europäische Software generell davon profitieren können, wenn Europa sich tatsächlich auf den Weg machen sollte, die Abhängigkeit von den USA zu reduzieren. Das Wall Street Journal berichtete, dass Europa plant, seine Abhängigkeit von amerikanischer Technologie aufgrund der zunehmenden Spannungen mit den USA zu verringern, angetrieben von der Sorge über mögliche Serviceunterbrechungen der US Cloud Provider, von denen europäische Kunden hochgradig abhängig sind.
Das Europäische Parlament hat einen Beschluss zur „technologischen Souveränität“ verabschiedet, in dem es sich dafür ausspricht, bei der öffentlichen Auftragsvergabe europäische Softwareprodukte und Cloud Provider zu bevorzugen. Im Januar 2026 hat die französische Regierung entschieden, bis 2027 in der öffentlichen Verwaltung außereuropäische Videokonferenz-Tools wie MS Teams oder Zoom durch die französische Lösung Visio zu ersetzen.
Aber was es letztlich wirklich braucht, ist keine staatliche Vorgabe und noch mehr Regulierung. Davon haben wir in Europa ohnehin schon viel zu viel. Echte Souveränität Europas ist nur möglich, wenn in Europa praktikable Software und Cloud Lösungen entstehen und von den Kunden tatsächlich und aus freien Stücken gegenüber der US Konkurrenz bevorzugt werden.
Wie ich vor diesem Hintergrund zukünftig investiere?
Ich bin generell ein optimistischer Mensch, darum bin ich vor 25 Jahren Unternehmer geworden. Und so gehe ich grundsätzlich weiterhin davon aus, dass die amerikanische Demokratie und die Freiheit in diesem großartigen Land auch die zweite Trump’sche Präsidentschaft überleben wird und nicht in eine Autokratie/Oligarchie abrutscht.
Aber immer mehr Menschen in Europa sind weniger optimistisch, wie z. B. der ehemalige deutsche Außenminister und Vizekanzler Joschka Fischer. Er sagte kürzlich in einem bemerkenswerten Interview:
“Wir befinden uns in einer Übergangsphase, in der die USA sich zu einer imperialen Macht transformieren. Und diese Transformation ist nicht nur eine sicherheits- und außenpolitische, sondern vor allem auch eine innen- und wirtschaftspolitische. Die USA sind auf dem Weg zu einer Oligarchie, weg von der wettbewerbsorientierten, unternehmergestützten, freien Marktwirtschaft.”
Joschka Fischer im Handelsblatt, 5. März 2026
Auch ich bin nicht so naiv zu glauben, dass das Verhältnis zwischen den USA und Europa in der Zeit nach Trump wieder so werden könnte, wie es war. Nein, dafür ist zu viel Porzellan zerschlagen worden, wir Europäer erwachen gerade aus unserem Tiefschlaf und werden uns auf den Epochenbruch einstellen müssen, ob wir es wollen oder nicht.
Ich bin als Aktieninvestor in den vergangenen Jahrzehnten sehr gut damit gefahren, dass ich die Politik sowie die makro-ökonomische Wirtschaftslage genauso wie die Markttechnik weitgehend ignoriert und meine Investment Cases unabhängig davon einzig und allein auf Basis von meinem Verständnis der Technologiemärkte und fundamentalen betriebswirtschaftlichen Überlegungen aufgebaut habe.
Diesen Luxus der Ignoranz kann man sich als europäischer Investor in den nächsten Jahren wohl nicht mehr leisten. D.h., auch ich werde wohl oder übel auch politisch genau beobachten müssen, ob mein verhaltener Optimismus berechtigt ist oder ob die USA tatsächlich in eine Oligarchie abrutschen werden, in die ich dann tatsächlich nicht mehr investieren wollte.
Oder, wenn, dann nur mit sehr großem Risikoabschlag. Denn in oligarchisch geprägten Systemen gelten Eigentumsrechte, Wettbewerb und Rechtssicherheit nur noch eingeschränkt. Zusätzliche Probleme sind politische Willkür, schwache Gerichte, Intransparenz, Korruption, Interessenkonflikte zwischen Staat, Oligarchen und Minderheitsaktionären sowie plötzliche Eingriffe durch Regulierung, Sondersteuern, Enteignung oder Kapitalverkehrskontrollen. Dazu kommen manipulierte Bilanzen, schlechtere Corporate Governance, Insiderbegünstigung und das Risiko, dass Gewinne nie sauber bei den Aktionären ankommen.
Für uns Aktionäre heißt das: Der ausgewiesene Unternehmenswert gehört einem wirtschaftlich oft weniger, als die Bilanz vermuten lässt. Meiner letztendlich auf dem echten Unternehmenswert basierende HGI-Strategie wäre in einem solchen System die Basis entzogen. All das würde ich mir als Kleinaktionär – noch dazu aus dem Ausland heraus – sicherlich nicht antun wollen.
Aber ganz soweit ist es glücklicherweise in den USA bis heute noch nicht gekommen. Sehr gespannt und voller Hoffnung warte ich wie viele Europäer auf die im November 2026 anstehenden US Zwischenwahlen.
Fazit
Ich werde bis auf weiteres auch weiterhin in zukunftsträchtige US Unternehmen investieren, solange ich der Meinung bin, dass es keine gleichwertigen Alternativen in anderen Regionen gibt und ich weiterhin davon ausgehen darf, dass die US Demokratie dieses traurige Kapitel übersteht.
Allerdings werde ich ab sofort noch intensiver nach Alternativen zu US-Tech-Aktien suchen. Ich werde 2026 mehr Zeit als zuvor für die Analyse von internationalen Tech-Unternehmen außerhalb der USA verwenden, in der Hoffnung, dort zukünftig mehr chancenreiche Unternehmen zu entdecken als in der Vergangenheit.
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