• Stefan Waldhauser

Man lernt nie aus. Besonders nicht am Aktienmarkt.



Den ganz aufmerksamen Beobachtern meines High-Tech Stock Picking wikifolios ist nicht verborgen geblieben, dass ich seit einigen Wochen eine meiner wichtigsten Regeln zum Risikomanagement nicht konsequent umsetze.


Die mir selbst auferlegte “Rule-of-30” soll eigentlich dafür sorgen, dass sich keine Aktien mit mehr als 30% Buchverlust im Depot einnisten können. Aktuell verletzen mit Compass (-45%) und Upstart (-65% !!!) gleich zwei Positionen in meinem Tech-Musterportfolio diese Regel sehr deutlich.


Wie konnte das passieren?


Mein Compass Engagement


Im Falle der Compass Aktie habe ich im Portfoliomanagement einen blöden Fehler gemacht: Mein Einstieg im Okt. / Nov. 2021 zu Kursen von über 10$ war zu schnell und aggressiv. Ich hatte in meinem damaligen Beitrag zum Compass Investment Case vom Oktober 2021 sogar noch richtig darauf hingewiesen, dass “Compass eine sehr spannende, wenn auch hochspekulative Investment-Story bietet”. Und dennoch bin ich da sehr zügig mit 5% Gewichtung eingestiegen, das war eine zu hohe Gewichtung für solch eine “Einstiegsposition als spekulative Beimischung” (Zitate aus meinem initialen Compass Blog Beitrag).


Nach den ersten 30% Kursverlust mussten die Nachkäufe der Compass Aktie, für die ich mich im Rahmen der “Rule-of-30” zwischen Jan und März 22 damals noch konsequent entschieden hatte, dann relativ bescheiden ausfallen, um die Position nicht zu groß werden zu lassen. Das hatte natürlich zur Folge, dass mein durchschnittlicher Einstiegskus bei Compass nicht deutlich genug gesenkt werden konnte.


Konkret: Seit meinem Erstkauf am 1.10.21 ist der Aktienkurs von Compass um 68% unter die Räder gekommen. Durch die Nachkäufe (zuletzt letzte Woche zu 4$) konnte ich die Buchverluste meiner Compass Position zwar deutlich auf -45%, aber nicht auf die gewünschten -30% begrenzen.


Das ist bitter, aber momentan nicht zu ändern, ohne die Compass Position (derzeit knapp 9%) nicht zu groß werden zu lassen. Denn am hochspekulativen Charakter der Compass Aktie hat sich auch durch den Kursverlust nichts geändert. Und eine ordentliche Diversifikation des Portfolios ist in jedem Fall wichtiger als die dogmatische Einhaltung der Rule-of-30.


Mein Upstart Desaster


Im Falle der Upstart Aktie ist die Lage noch etwas komplexer: Die Position im wikifolio ist mit ca. 4% klein genug, so dass ich sie durch einen beherzten Nachkauf durchaus entscheidend verbilligen könnte. Dennoch warte ich derzeit ab und zwar aus folgenden Gründen:


Nach der Veröffentlichung der Q1 Zahlen im Mai war ich genauso entsetzt wie die meisten anderen Investoren über die Tatsache, dass man bei Upstart Konsumenten Kredite ins eigene Buch genommen und so das eigene Geschäftsmodell untergraben hatte. Siehe dazu meinen Kommentar: Ohne Vertrauen ist alles nichts.


Ich wollte zum damaligen Zeitpunkt eigentlich nur noch eine technische Erholung nach dem Crash abwarten und dann bei Upstart aussteigen. Doch in den Tagen und Wochen danach hat mich die Reaktion des Upstart Managements auf den Crash durchaus positiv überrascht. Man hat den eigenen katastrophalen Fehler eingestanden und schnellstmöglich im Q2 korrigiert - was allerdings unweigerlich zur Umsatz- und Gewinnwarnung führte.


Ich bin für Upstart nun wieder längerfristig durchaus positiv gestimmt, da das Geschäftsmodell für mich nach wie vor intakt ist (auch wenn etliche Shortseller das anders sehen). Siehe dazu meinen jüngsten Beitrag nach der Gewinnwarnung: “Upstart - Lösbare Probleme”.


Ich stehe hier jetzt vor einer kniffligen Entscheidung: Einerseits rechne ich damit, dass die Upstart Aktie nochmals unter erheblichen Druck geraten könnte, wenn wie erwartet im August die Umsatz- und Gewinnerwartungen für das Gesamtjahr 2022 reduziert werden. Andererseits erwarte ich, dass sich Upstart mittelfristig weiterhin gut entwickeln wird und wir es in 2022 im nachhinein betrachtet nur mit einer Wachstumsdelle zu tun haben könnten.


In Anbetracht dieser genauso unsicheren wie ambivalenten Lage fühle ich mich mit einer kleineren Position der Upstart im Depot (aktuell ca. 4%) recht wohl. Sobald die Datenlage sich verbessert, werde ich über einen evtl. Nachkauf entscheiden. Sollte sich das Management weitere erhebliche Fehler leisten, so muss ich den Investment Case leider als gescheitert ansehen und aussteigen. So oder so werde ich die derzeit unbefriedigende Situation im Portfolio bereinigen.


Lange Rede, kurzer Sinn: In beiden Fällen, Compass und Upstart, muss ich in der aktuellen schwierigen Lage akzeptieren, dass ich meiner Rule-of-30 im Bärenmarkt zumindest vorübergehend nicht 100% treu bleiben kann.


Das ist unbefriedigend, aber ehrlich.


7 Eigenschaften eines guten Investors

Zum Abschluss dieses Beitrags möchte ich einen Tweet von @BrianFeroldi zitieren, der bei erfolgreichen Investoren die folgenden Eigenschaften sieht:



  1. Sie halten an ihrer Strategie auch in schwierigen Zeiten fest.

  2. Sie sind bereit, ihre Meinung zu ändern.

  3. Sie geben zu, wenn sie Fehler gemacht haben.

  4. Sie sagen öfters mal: “Ich weiß es nicht”.

  5. Sie machen keine Vorhersagen.

  6. Sie lernen jeden Tag dazu.

  7. Sie lieben das Investieren.

Ich denke das ist eine sehr treffende Liste von erstrebenswerten Eigenschaften, die auch ich als Investor zu kultivieren versuche. Aber es ist in der Praxis durchaus eine Herausforderung, eine vernünftige Balance von 1. (Festhalten an einer erfolgreichen Strategie) und 2. (Bereitschaft zur Meinungsänderung) zu finden.


Der aktuelle Bärenmarkt hat mir gezeigt, dass meine Rule-of-30 in ihrer ursprünglich formulierten reinen Form ihre Schwächen hat und in extremen Marktsituationen nicht ausreichend ist. Ich habe den entsprechenden Beitrag zur Rule-of-30 daher nun um meine diesbezüglichen Learnings aus diesem Bärenmarkt ergänzt.


Man lernt nie aus an der Börse. Das ist es, was für mich persönlich die Faszination des Aktienmarktes ausmacht. Wenn Du in Zukunft gemeinsam mit mir dazulernen willst, dann kannst Du jetzt hier meinen kostenlosen Newsletter bestellen.

Der Autor und/oder verbundene Personen oder Unternehmen besitzt Aktien von Upstart und Compass. Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar. Bitte beachte die rechtlichen Hinweise.

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