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SpaceX-IPO: Wie Elon Musk die Nasdaq-Regeln zu seinen Gunsten verbiegt

  • Autorenbild: Stefan Waldhauser
    Stefan Waldhauser
  • vor 21 Minuten
  • 5 Min. Lesezeit
SpaceX-IPO: Wie Elon Musk die Nasdaq-Regeln zu seinen Gunsten verbiegt

Die Börse hat seit Jahrhunderten eigentlich eine ziemlich klare Aufgabe. Sie soll seit jeher ein Ort sein, an dem Angebot und Nachfrage zusammenkommen und sich daraus mit der Zeit ein halbwegs realistischer Preis für ein Unternehmen bildet. Die Kursfindung ist oftmals nicht perfekt, auch nicht jederzeit rational, aber grundsätzlich offen, dezentral und von vielen Marktteilnehmern getragen.


Das ist der wichtigste Grundsatz von value-basierten Investoren, zu denen auch ich mich zähle. Genau dieses Prinzip gerät beim anstehenden SpaceX-Börsengang ins Wanken.


Denn was wir hier gerade erleben, ist kein normaler IPO-Prozess mehr. Es ist der Versuch, schon vor dem Listing die Nachfrage so zu steuern, dass nach dem Börsengang automatisch Milliarden an Kapital in die Aktie gedrückt werden. Reuters berichtete im März, dass SpaceX eine kurzfristige Änderung der Regularien für die Aufnahme in den Nasdaq-100 Index als notwendige Bedingung für ein Nasdaq-Listing gefordert habe. Und tatsächlich hat Nasdaq kurz darauf die entsprechenden Änderungen an der Methodik final beschlossen; die neue Methodik tritt bereits am 1. Mai 2026 in Kraft.


Für mich ist das ein ziemlicher Skandal: Denn offenbar hat Elon Musk im Vorfeld des SpaceX IPOs nicht nur über Listing-Ort, Timing und Bewertung verhandelt, sondern faktisch auch über die Architektur der künftigen Nachfrage. Die führende Technologiebörse Nasdaq ist damit nicht mehr nur der Handelsplatz, sondern Teil eines strategischen Vertriebsmodells für den IPO.


Was die Nasdaq konkret geändert hat

Zwei Änderungen sind für den Fall SpaceX besonders brisant.


Die erste betrifft die Wartezeit bis zur Aufnahme in den Nasdaq-100. Bislang galt für neu gelistete Unternehmen faktisch ein deutlich längerer Reifeprozess, es dauerte viele Monate bis ein neues Unternehmen nach dem IPO in den Leitindex aufgenommen wurde. Es gab damit viel Zeit für eine unabhängige Preisfindung. Nun kann ein IPO bereits am Ende des siebten Handelstags geprüft werden. Wenn die Gesellschaft dann gemessen an ihrer Marktkapitalisierung zu den 40 größten aktuellen Indexkandidaten zählt, erfolgt die Aufnahme typischerweise bereits nach 15 Handelstagen. Die bisherige “Seasoning”-Anforderung wird dafür ausdrücklich ausgesetzt. Das ist keine kosmetische Anpassung, sondern eine radikale Beschleunigung.


Die vielleicht noch wichtigere Änderung betrifft den Free Float. Die bisherige Mindestanforderung von 10 % frei handelbarer Aktien wurde gestrichen. Danach wäre SpaceX mit einem geschätzten Freefloat von anfangs max. 5% kein Kandidat für den Nasdaq-100 gewesen. Künftig gibt es keinen Mindest-Free-Float mehr als harte Eintrittsbarriere.


Stattdessen wird das Indexgewicht bei kleinem Free Float wie bei Space-X über eine modifizierte Marktkapitalisierung begrenzt: Für die Gewichtung wird die relevante Aktienzahl auf maximal das Dreifache der frei handelbaren Aktien gedeckelt. Anders gesagt: Ein Unternehmen mit knappem Streubesitz bleibt indexfähig. Es bekommt nur ein etwas gebremstes Gewicht. Auch das ist eine fundamentale Verschiebung – weg von einer klaren Handelbarkeits-Schranke, hin zu einem flexibleren Mechanismus, der große, aber nur knapp handelbare Titel ausdrücklich bevorzugt behandelt und passive Kapitalströme in möglicherweise überbewertete Aktien lenkt.


Warum ETFs SpaceX fast zwangsläufig kaufen müssen

Sobald SpaceX in den Nasdaq-100 aufgenommen wird, müssen indexnahe ETFs und andere passiv gesteuerte Produkte die Aktien kaufen. Das ist kein Ermessensspielraum, sondern der Kern ihres Produkts. Ein Nasdaq-100-ETF darf nicht sagen: „Die Aktie ist zu teuer, wir warten erst einmal zwei Quartalszahlen ab.“ Er muss den Index möglichst gut abbilden.


Und dieses Nasdaq-100 Ökosystem ist riesig. Nasdaq selbst beziffert die an den Nasdaq-100 gebundene oder darauf bezogene Gesamtexponierung auf rund 1,41 Billionen Dollar. Davon entfallen 42 % auf ETFs. Hinzu kommen Mutual Funds, Versicherungsprodukte, strukturierte Produkte und ein gewaltiger Derivateapparat. Der größte Einzelspieler ist der Invesco QQQ ETF, der aktuell 380 Milliarden Dollar an Assets under Management hält.


Schon daraus ergibt sich die Dimension des Problems. Selbst wenn SpaceX wegen des begrenzten Free Floats nur mit einem moderaten Anfangsgewicht in den Index kommt, erzeugt das rechnerisch sofort Kaufdruck in Milliardenhöhe. Und dieser Kaufdruck hat mit einer sorgfältigen Fundamentalanalyse zunächst mal nichts zu tun. Er ist rein regelbasiert, mechanisch und zeitlich gut vorhersehbar.


Mit anderen Worten: Es entsteht zum IPO eine milliardenschwere Nachfrage, nicht weil Investoren nach gründlicher Analyse zu dem Schluss kämen, dass SpaceX auf diesem Kursniveau nach dem IPO attraktiv ist, sondern weil die neue für SpaceX massgeschneiderte Konstruktion des Nasdaq-100-Index sie sofort zum Kauf zwingt.


Warum auch aktive Fondsmanager kaum einfach zuschauen können

Noch interessanter ist die Lage bei aktiven Managern. Formal sind sie natürlich nicht verpflichtet, SpaceX Aktien zu kaufen. Praktisch könnte die Sache anders aussehen.

Viele Growth-Manager, US-Large-Cap-Manager oder die üblichen benchmarknahen Tech-Fonds stehen unter enormem relativen Performancedruck. Wenn eine Aktie wie SpaceX direkt nach dem IPO nach einer frühen Indexaufnahme durch passive Zuflüsse, mediale Aufmerksamkeit und Momentumstrategien wie erwartet nach oben gedrückt wird, dann wird eine Nullgewichtung eines Fondsmanagers schnell zum Karriereproblem. Wer draußen bleibt und falsch liegt, sieht schlecht aus. Wer mitmacht und die Aktie evtl. zu teuer einkauft, der schneidet zumindest nicht schlechter ab als die “Benchmark”.


Ich halte es deshalb für sehr wahrscheinlich, dass viele aktive Fondsmanager – selbst wenn sie die SpaceX-Bewertung wie ich für viel zu hoch halten – dennoch zumindest eine Position aufbauen werden. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Überlegungen zum Risikomanagement gegenüber ihrer Benchmark heraus. Das ist eine einfache Schlussfolgerung aus den üblichen Anreizmechanismen im aktiven Fondsmanagement.


Der Kurs wird zunächst vom Nachfrageüberhang bestimmt – nicht vom fairen Wert

Wenn ein Unternehmen wie SpaceX mit einer gigantischer Bewertung von angeblich 2 Billionen Dollar und knappem 5% Free Float auf den Markt kommt, dann ist das Angebot an frei handelbaren Aktien zunächst begrenzt. Wenn fast zeitgleich passive Produkte kaufen müssen, aktive Manager nicht ganz fehlen dürfen und zusätzlich Privatanleger aus der riesigen Elon Musk Fangemeinde sowie kurzfrisitge Spekulanten die Story kaufen wollen, dann trifft ein knappes Angebot auf eine künstlich verdichtete Nachfragewelle.


Das Ergebnis ist absehbar: ein Nachfrageüberhang und steigende Kurse.

Und dieser Nachfrageüberhang hat in der Anfangsphase nur begrenzt etwas mit dem fundamentalen Wert des Unternehmens zu tun. Natürlich ist SpaceX ein außergewöhnliches Unternehmen mit einer einzigartigen strategischen Position in Launch, Satelliteninfrastruktur und vor allem Starlink. Aber die Frage, ob die Aktie nach dem IPO am Ende 1,5, 1,8 oder 2,2 Billionen Dollar wert ist, sollte eigentlich Ergebnis eines längeren Preisfindungsprozesses sein. Nicht das Resultat eines von Indexregeln beschleunigten Kaufzwangs.


Die Börse erfüllt ihre Funktion nur dann sauber, wenn Preise durch freiwillige, informierte Entscheidungen entstehen. Wenn aber ein erheblicher Teil der Nachfrage aus Regelwerken, Benchmarkdruck und Produktmechanik entsteht, dann wird die Preisfindung ad absurdum geführt.


Und wer hält die Aktie am Ende?

Jetzt kommt der vielleicht unangenehmste Teil der Geschichte..


Wenn Du mehr über den SpaceX IPO und meine Einschätzung erfahren möchtest, kannst Du gerne auf meinem auf meinem inzwischen zweisprachigen Substack (Paywall) meinen ausführlichen Beitrag nachlesen.



*Disclaimer: Der Autor und/oder verbundene Personen oder Unternehmen besitzen aktuell keine Anteile von SpaceX. Dieser Beitrag stellt eine Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar.




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